Musiker und die Welt der Medien – kleine Märchen vom großen Glück

On: 21/12/2012

Weihnachtszeit ist Märchenzeit – und deswegen möchte ich heute ein paar kleinen Märchen über Musiker und ihre Medienauftritte auf den Grund gehen.

Das erste Märchen lautet: Ich stelle ein Stück ins Internet. Weil es so gut ist, wird es einige tausend Male geteilt und der unbekannte Musiker über Nacht zum Weltstar.

Diese Geschichte, ihr ahnt es schon, hat einen kleinen Haken: Es muss erst einmal jemand mitbekommen, dass Mustermusiker X sein Stück der Welt präsentieren möchte. Nur vom Hochladen hat er höchstwahrscheinlich genau einen Hörer: sich selbst. Es gibt Unmengen an Musik von unbekannten Künstlern im Netz. Und so einige Stücke darunter sind wahre Perlen, aber es gibt auch einen riesigen Berg grottenhaft schlechter Musik – unabhängig von der Geschmacksfrage. Dazwischen aufzufallen, ist nicht ganz leicht. Damit ein Musikstück seine Runde macht, braucht es zunächst eine gewisse Grundmenge an Menschen, die das Stück weiterempfehlen. Die hat man, wenn man sich bereits eine solide Fanbasis erarbeitet hat. Wenn man es schafft an andere Inhalte anzuknüpfen, die populär und ähnlich sind. Oder wenn man gezielt mit Marketingmaßnahmen dafür sorgt, dass Leute auf das Lied aufmerksam werden, etwa durch Anzeigenschaltungen oder weil man z. B. ein Magazin davon überzeugen kann, über seine Veröffentlichung zu berichten. Aber so ziemlich nie, nur weil man auf den Upload-Button drückt.

Märchen Nummer zwei lautet: Die GEMA ist der Feind der Musikhörer, denn sie sperrt die Videos der von ihr vertretenen Künstler auf YouTube.

Ganz so einfach ist es nicht. Als YouTube noch frisch am Markt war, gab es mit der GEMA einmal einen Vertrag, der die Nutzungsrechte für die Musik der von der GEMA vertretenden Musikkomponisten regelte. Dieser Vertrag kam YouTube als junges Start-Up sehr entgegen. Nun mauserte sich YouTube, wie wir alle wissen, zu einer recht gewichtigen Plattform und begann, durch Werbeeinnahmen beträchtliche Umsätze zu erwirtschaften. Der Vertrag zwischen dem YouTube-Eigentümer, dem Google-Konzern, lief aus – und es galt, über neue Konditionen zu verhandeln. Die Position der GEMA war: Da die Aufbauphase der Plattform nun vorüber sei, müsse man nun eine Variante finden, wo die Künstler eine gerechte Vergütung bekommen. Der Gema schwebte vor, YouTube nach ihrem Tarif für werbefinanzierte Streamingdienste einzustufen, den auch andere Anbieter, z. B. simfy, bezahlen. Dieser sieht eine Beteiligung von 10,25 % der Nettowerbeeinnahmen oder zwischen 0,025 Cent und 0,6 Cent pro gestreamtem Video vor, je nach genauer Vertragsschließung. Das war der Gegenseite zu viel. Man konnte sich nicht einigen, daher ging es vor Gericht. Die GEMA forderte die beispielhafte Sperrung von zwölf Musikvideos, solange die Rechtslage ungeklärt blieb. Da es üblich ist, nach dem Urteil an solchen Präzedenzfällen mit einer Klagewelle das gleiche Recht für sämtliche ähnlich gelagerte Fälle auch rückwirkend durchzusetzen, machte YouTube den Präventivschlag und sperrte fleißig Videos. Der Text, den ein jeder liest, der solch ein gesperrtes Video aufsucht, ist freilich missverständlich. Eigentlich müsste er lauten: „Da wir nicht bereit sind, den Anteil für die Musiknutzung zu zahlen, den Andere bereits als angemessene Vergütung für Komponisten akzeptiert haben, streiten wir uns vor Gericht mit der GEMA als die Vertretung dieser Komponisten. Und damit uns nichts passieren kann, wenn wir im Rechtsstreit unterliegen sollten, haben wir vorsorglich die Videos gesperrt.“ Das wäre allerdings keine annähernd so wertvolle PR, um die in der öffentlichen Wahrnehmung eh schon angeschlagene GEMA zu schwächen und damit die eigene Verhandlungsposition zu stärken. Daher wird man einen solchen Satz wohl nie auf YouTube zu lesen bekommen. Wer sich dazu weiter informieren will, dem kann ich die gelungene Zusammenfassung der tagesschau.de-Redaktion unter http://www.tagesschau.de/inland/gema108.html ans Herz legen.

Kommen wir zu Märchen Nummer drei: Wenn ein Musiker im Fernsehen auftritt, spielt er grundsätzlich live.

Das ist tendenziell sogar eher selten der Fall. Das hat einen ganz einfachen Hintergrund: Es erfordert einen enormen technischen Aufwand, bei verschiedenen Acts nicht nur schnell die Dekoration umzubauen, sondern auch eine komplett funktionierende Abnahme aller Musiker und eine stimmige Abmischung auf die Beine zu stellen. Sehr viele Fernsehshows sind daher Vollplayback. Ganze Orchester spielen dort zu bereits fertiggestellten Aufnahmen. Woran kann ich im Fernsehen denn Playbacks entlarven? Zunächst: Haben alle Sänger überhaupt ein Mikro in ihrer Nähe, auch die Backgroundchorsänger? Sind die elektronischen Instrumente alle angeschaltet? Sind sie in irgendeiner Form verkabelt? Ein Keyboard ohne Stromkabel ist z. B. seltsam. Stehen vor den Gitarrenboxen Mikrofone? Sind am Schlagzeug Mikrofone angebracht? Und natürlich ganz simpel: Stimmen Bild und Ton überhaupt komplett überein? Gängig ist auch die Variante, dass nur der Sänger live singt, aber sämtliche Instrumente vom Band kommen. Dass ein Musiker in so einer Show nicht live unterwegs ist, hat also meist nichts mit seinen Fähigkeiten, sondern mit den technischen Möglichkeiten der Show zu tun.

Weiter mit Märchen Nummer vier: Mach doch bei einer Castingshow mit, dann wirst du entdeckt.

Fast jeder Sänger einer unbekannten Band aus meinem Bekanntenkreis hat diesen Vorschlag schon einmal gehört. Und ja, es stimmt, dass man dadurch erst einmal eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich lenken kann. Es gibt da nur ein paar kleine Probleme. Da wäre einmal das Vertragsproblem. In so einer Show muss man nämlich eine ganze Menge Rechte an die Fernsehsender abtreten. Über einen Zeitraum, der über die Ausstrahlung der Show hinausgeht – also auch im Nachhinein. Der nächste Haken: Meist kann man nicht unbedingt seine eigenen Werke präsentieren, geschweige denn seine Band mitnehmen. Castingshows sind zudem meist sehr kurzzeitige Erfolgsbringer: Spätestens, wenn in der nächsten Staffel der nächste Sieger gekürt ist, denkt kaum noch jemand an den letzten Sieger – und dort muss man auch erst einmal hinkommen. Für alle, die nicht gerade genau passende, Mainstream-taugliche Musik machen, wird es ziemlich schwer, überhaupt in eine der späteren Runden zu gelangen. Bedenkt immer: Die Fernsehsender machen solche Shows nicht, weil sie ein derartig großes Interesse daran haben, musikalischen Nachwuchs zu fördern, sondern weil sie viele Zuschauer für eine gute Quote und damit viele Werbekunden brauchen.

Und schlussendlich Nummer fünf: Gestern kannte ihn niemand, heute ist er ein Hit in den Charts. Musiker X hat einfach Glück gehabt.

Ich behaupte dreist: Nein, hat er nicht. Er hat mit Sicherheit eine ganze Menge dafür getan. Selbst wenn ein Musiker von einem großen Label „entdeckt“ und gefördert wird. Er wurde garantiert nicht in seinem Proberaum gefunden. Er muss z. B. eine absolut überzeugende Show gespielt haben. Die spielt man aber nicht bei seinem ersten Bühnenauftritt, sondern nach einer gewissen Lernzeit auf der Bühne. Außerdem sind diese „Entdecker“ auch nicht auf jedem Jugendzentrum- oder Kellerkonzert. Der Musiker muss es also schon geschafft haben, sich einen interessanteren Auftrittsort zu erarbeiten. Und dann muss er sich auch noch als belastbar erweisen – jemand, der sich zu fein auch für weniger erfüllende Konzerte oder einer richtig massiven Portion Arbeit ist, wird sicher nicht dauerhaft gefördert werden. Außerdem muss er noch als Produkt funktionieren: Er muss dem Label CD-Verkäufe und ausverkaufte Hallen auf Dauer einbringen. Sicher gehört auch ein klein wenig Glück dazu – aber der Musiker, der diesem nicht ständig und immer wieder versucht auf die Sprünge zu helfen, bis irgendwann mal einer der unzähligen Versuche erfolgreich ist, der wird es höchstwahrscheinlich nicht schaffen. Aber diejenigen mit Durchhaltevermögen und Ehrgeiz erleben diese Wunder ab und an dann doch.

In diesem Sinne: Eine märchenhafte Weihnachtszeit!

Read 2482 times Last modified on 22/12/2012

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