„Die schreiben doch eh immer nur über das gleiche Zeug!“ Von Medienstars und Garagenmusikern

On: 07/11/2012

Geschafft. Wir haben eine CD. Genauer gesagt einen Turmbau zu Babel in der Wohnung. Das gleiche Event steht z. B. bei Nightwish auch an. Nur – von denen liest und hört man gefühlt überall, von uns nicht. Was haben sie also anders gemacht als wir?

 

 

  1. Geld regiert die Welt

 

Nightwish hat uns vergleichsweise unbekannten Newcomern gegenüber einen entscheidenden Vorteil: Sie haben handfeste Beweise, dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine größere Menge Menschen geben wird, die ihre CD kaufen. Sie haben eine etablierte Fanbasis und Verkaufszahlen vorangegangener Veröffentlichungen. Und da Labels keine Wohltätigkeitsorganisationen sind, sondern gewinnorientiert arbeitende Unternehmen, sind sie für diese als Geschäftspartner interessant. Sie können sich recht sicher sein, dass sie das Geld, was sie für ihr Marketing investieren, wieder hereinspielen – und zusätzlich noch einen Gewinn erwirtschaften. Das sieht bei einer Band, die dies noch nicht beweisen konnte, weil es z. B. die erste Veröffentlichung ist, natürlich ganz anders aus.

 Aber wofür braucht man eigentlich so viel Geld? Man könnte doch einfach an diverse Musikredaktionen seine Musik schicken und wenn die Musik gut ist, werden diese Artikel schreiben und damit von selbst für eine gesteigerte Bekanntheit sorgen. DAS ist die Theorie. Die Praxis heutzutage sieht leider etwas anders aus. Realität ist, dass die Majorlabels, seit sie geschrumpfte Werbeetats haben, deutlich weniger Anzeigen schalten. Und das bedeutet wiederum, dass die Einnahmen der Magazine stark eingebrochen sind. Daher haben sich viele Zeitschriften eine andere Überlebensstrategie ausgedacht: Sie lassen sich für redaktionelle Leistungen bezahlen. Konkret heißt das also: Magazin X findet die Musik von Band Y interessant und ist bereit, über ihn etwas zu schreiben. Dann schreibt Magazin X Band Y einen Brief mit einem Angebot, was es diesen kostet, als Titelstory/Ganzseiter/Halbseiter/Viertelseiter in der nächsten Ausgabe zu erscheinen. Daraufhin krempelt Newcomer Y seine durch die Albumaufnahmen eh schon komplett geplünderten Taschen um und stellt fest, dass er sich nicht durch diverse Magazine kaufen kann. Dementsprechend fällt seine mediale Präsenz zwangsläufig deutlich schmaler aus als bei einer etablierten Band, die idealerweise noch ein zahlungsstarkes Label im Rücken hat. „Aber das hat doch nichts mehr mit den Idealen von objektivem Journalismus zu tun!“ Stimmt. Da können wir Newcomer aber so viel protestieren wie wir wollen, ihre Miete müssen auch die Magazinredakteure finanzieren und daher wird sich so schnell nichts an der Praxis ändern.

Offenkundig muss es um die Gehaltschecks der Journalisten ohnehin schlecht bestellt sein – denn anders lässt sich eine ebenso gängige Geschäftspraktik nicht erklären, die den Nachwuchsmusiker ärgert. In der Hoffnung, dennoch das eine oder andere Review zu bekommen, verschickt dieser nämlich fleißig CDs an die Musikredaktionen und Freelancer. Und da bekanntlich große Stückzahlen deutlich billiger zu pressen sind als niedrige, lohnt es sich für den Nachwuchskünstler nicht, separate Promoexemplare zu fertigen. Also wird das verkaufsfertige Album an die Redakteure gegeben. Und seltsamerweise tauchen kurz danach recht zuverlässig diverse Gebrauchtverkäufe des Albums bei ebay und co auf, teilweise zu Ramschpreisen, die dem Musiker den Magen umdrehen. Da das sicherlich nicht die Platten sind, die die ersten treusten Fans gekauft haben, bleibt nur eine Schlussfolgerung: Hier erwirbt sich gerade der eine oder andere Journalist einen netten Nebenverdienst.

 

  1. Das berühmte Vitamin B

 

Jeder kennt das: Wenn man von jemandem einen heißen Tipp bekommt, mal in Album xy hineinzuhören und weiß, dass derjenige normalerweise keinen Schund empfiehlt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dem Rat Folge zu leisten. Und jetzt stellt euch vor, jemand euch vollkommen unbekanntes zupft euch am Ärmel, erzählt euch, was für ein geiles Zeug er macht und dass du das unbedingt mal hören sollst. Klingt nicht so überzeugend, oder? Und wenn das dann täglich passiert, wie wahrscheinlich ist es, dass du diesen Ärmelzupfern deine Aufmerksamkeit und Zeit schenkst, während dein zuverlässiger Freund mit seinem Tipp daneben steht?

Genau das ist das Newcomer-Problem. Der Underground kämpft um Aufmerksamkeit und dort tummelt sich eine ziemlich große Zahl Bands. Und nicht alle davon sind wahre Perlen der Musikkultur. Daher freut sich der Journalist, gerade wenn er ein gewisses Zeit-und Geldproblem hat, wenn er sich nicht durch diesen riesigen Haufen Material wühlen muss, sondern eine übersichtliche Vorauswahl bekommt. Die gibt es zunächst von Labeln und Promotion-Agenten serviert. Das ist also der Haupttopf, aus dem Beiträge stammen – und deshalb lohnt es sich für eine Newcomerband, eine Zusammenarbeit mit einem etablierten Promoter anzustreben. Man hat einfach deutlich bessere Karten, überhaupt angehört zu werden – unabhängig davon, dass einem derjenige auch noch wertvolle PR-Tipps auf Basis seiner Branchenerfahrung geben kann.

Sortierkriterium 2 ist der Labelcode auf der CD. Wenn ich als Band meine Musik veröffentliche, kann ich mir theoretisch die nötigen Identifikationsnummern meiner Songs recht leicht über diverse Anbieter besorgen. Habe ich kein Label, das mich direkt vertritt, ist es aber immer besser für mich, wenn ich zumindest eine reine Distributionsvereinbarung mit einem Label treffen kann – denn damit steht der Labelcode auf der CD und zählt als weiteres Gütekriterium. Hier hält das Label nämlich seinen Namen dafür hin, dass es sich hier nicht um die schiefe Garagenband von Hansfranz handelt, sondern um eine ernstzunehmende Veröffentlichung – auch wenn diese vielleicht nicht in das Genre oder die Geschäftsstrategie des Labels passt. Und auch hier zählt nicht jeder Code gleich – ob da Nuclear Blast oder das kleine Indie-Label um die Ecke abgedruckt ist, spielt natürlich auch noch eine gewisse Rolle.

 

Und der letzte, große Topf, sind dann die Bands ohne Promoter und Labelcode – hier irgendwie Gehör zu bekommen ist sehr, sehr schwer.

 

  1. Die Optik

 

Das Auge isst mit. Und das gilt auch bei Musik. Wenn du als Musiker vielleicht ein Held auf deinem Instrument bist, aber deine Band aussieht wie ein Sammelsurium aus den Lieblingsobjekten privater Fernsehsender zur Talkshow-Zeit, dann hast du es verdammt schwer. Aber selbst wenn ein optisch verkaufsfreundliches Ensemble am Start ist, braucht es gute Imagebilder und ein entsprechendes Website- und CD-Design, um ernstgenommen zu werden. Da helfen die Fotos vom Kumpel in der nächsten Abbruchruine und das selber mit Photoshop irgendwie zusammengestückelte Cover leider gar nicht. Und ja, dafür sollte man auch besser ein paar Euro einplanen.

 

  1. Alt bewährt gibt Sicherheit

 

Ein Magazin möchte natürlich regelmäßig gelesen werden. Daher ist es für ein Magazin tendenziell gesund, Inhalte zu bringen, die garantiert viele Leser interessant finden. Und das sind die etablierten Bands. Bei einem Newcomer ist schließlich immer das Risiko da: Wird das die Entdeckung von morgen oder kräht dann kein Hahn mehr danach? Also ist man immer auf der sicheren Seite, den altbewährten Inhalten auch die prominentere Stellung einzuräumen.

 

  1. Marketingstrategie

 

Last, but not least, haben die alten Hasen natürlich in Sachen Promotion auch einen Wissensvorsprung. Wann man etwas ankündigt, wie man am besten einen Spannungsbogen gestaltet, um das neue Album interessanter zu machen, wie man dafür sorgt, dass man kontinuierlich immer mal wieder für eine Schlagzeile gut ist – das ist ein Erfahrungsschatz, über den ein Newcomer nicht verfügt. Da merkt man dann die Finesse eines Branchenprofis sofort.

Was kann ich als Musikliebhaber tun, wenn ich mich für die Newcomer interessiere? Schaue dich bei Veranstaltungen um, die bewusst Newcomer präsentieren. Auf größeren Festivals sind das meist die zeitlich eher unbeliebten Slots ganz am Anfang. Gehe zu Konzerten von lokalen Nachwuchsacts. Lese bewusst Newcomer-Rubriken und höre dir die Vorbands von größeren Acts an. Es schadet nicht, sich mal im Internet zu informieren, was die entsprechenden Nachwuchsbands eigentlich machen: Denn hier musst du selber die Spreu vom Weizen trennen, hier hat maximal der Veranstalter etwas vorsortiert, und beispielsweise in einem Jugendzentrum ist der Sortierfilter da deutlich wohlwollender als bei einem großen Festival. Dass das erste Konzert einer Band sicher eine andere Qualität hat als das fünfjährige Bühnenjubiläum liegt in der Natur der Sache – zu einem gewissen Grad lernt es sich eben nur durch Ausprobieren. Aber diese Chancen sich zu entwickeln, könnt nur ihr dem Nachwuchs bieten: Ihr, die für Neues aufgeschlossenen Zuhörer, die dann vielleicht auch mal einen noch unbekannten Act als Geheimtipp in eurem Freundeskreis weiterverbreiten.

 

Autor: Janika Groß

 

 

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