NEU: Janikas Musikerblog – Hinter den Kulissen des Musik-Undergrounds #1

On: 18/07/2012

In diesem Blog wird es zukünftig einmal im Monat einen Blick hinter die Kulissen des Musikerlebens geben. Ich bin Frontsängerin, Pianistin und Komponistin der Opera Metal Band molllust und versuche zusammen mit meinen Bandmitgliedern gerade, unserer Musik Gehör zu verschaffen. Dabei begegnen mir immer wieder Fragen von Zuhörern, Freunden oder Neugierigen, die gerne mehr darüber wissen wollen, wie das Leben in der Band eigentlich so abläuft. Ziel des Blogs ist es, hier regelmäßig Antworten zu häufiger auftauchenden Fragen zu geben und das eine oder andere Vorurteil gegenüber der Musikerzunft genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

40 Tage für eine Studioaufnahme? Das spielt man doch in drei Tagen ein und fertig?!" - Was Studioalltag wirklich bedeutet

Es könnte so einfach sein. Eine Band übt ihre Songs, geht in ein Studio, der Produzent stellt die Mikros auf und drückt auf „Record“. Alle rocken einmal so richtig los, vielleicht auch zwei- oder dreimal, und dann ist der Song im Kasten. Die Realität sieht ganz anders aus.

Eine Produktion beginnt streng genommen schon, bevor das Studio überhaupt betreten wird. Dabei rede ich nicht von den vielen, vielen Stunden, die die Musiker an dem Stück üben, damit es im Studio dann möglichst schnell geht – denn Studiozeit kostet Geld. Auch nicht davon, sich auf eine Interpretation des Songs festzulegen. Sondern von einer gründlichen Vorabsprache mit dem Mann oder der Frau hinter den Reglern. Wenn derjenige nicht weiß, wie das Ergebnis etwa klingen soll, kann er während des Aufnahmeprozesses auch schlecht darauf hinarbeiten. Häufig werden daher schon Aufnahmen im Proberaum gemacht und diese besprochen.

Das Studio hat im Verhältnis zum Live-Auftritt Vor- und Nachteile. Der große Vorteil liegt darin, dass man alles sehr genau abstimmen kann – wann welches Instrument wie laut ist, wie es klingen soll, welche Effekte zusätzlich eingebracht werden. Man kann auch zusätzliche Nebenstimmen einspielen oder einsingen, für die man sonst nicht genug Stimmen oder Hände hat. Der Nachteil ist, dass die Dynamik zwischen den Musikern verloren geht. Würde man alle Musiker gemeinsam in einen Raum stellen und losspielen lassen, könnte man sie nicht vernünftig abnehmen. Die Gitarre wäre mit auf der Gesangsspur, der Gesang hinge in der Beckenspur des Schlagzeugs, in der Geige wummerte der Bass – kurzum, hinterher ließe sich nicht mehr viel feinjustieren. Schottet man die Musiker voneinander ab, sehen sie sich nicht mehr. Man kann dem Schlagzeuger nicht auf den Stick gucken, um einen bestimmten Einsatz 100% synchron zu spielen, gemeinsames Headbangen für das Feeling fällt auch flach. Also heißt die Lösung meist: alle einzeln nacheinander.

Häufig beginnt der Schlagzeuger. Wenn es die Musik erfordert, auch ein anderes Instrument – bei meiner Band war es das Klavier. Damit alles hinterher schön synchron ist, wird ein Klick-Track angelegt – bei geradliniger Musik wird er häufig einfach programmiert. Gibt es viele Temposchwankungen, wird in Handarbeit gebaut. Auf diese Klicks spielt dann der erste Musiker ein. Das nächste Bandmitglied bekommt dann den Klick zusammen mit dem Werk des Vorgängers zu hören – bis alle Instrumente eingespielt sind.

Das kann eine ganze Weile dauern. 1. Bis jedes Mikrofon perfekt steht, können schon mal ein paar Stunden ins Land gehen – besonders beim Schlagzeug. 2. Nobody ist perfect – egal wie gut man geübt hat, ein komplettes Album spielt niemand total perfekt auf Anhieb ein. Neben zufälligen Verspielern sollte man natürlich auch absolut synchron zu seinen Vorgängern und dem Klick spielen. Aber das ist nur die halbe Miete: wer will schon ein technisch korrektes, aber vollkommen emotionsloses Musikstück. Wir versuchen also die perfekte Interpretation einzuspielen! Wie schwer das ist, kann jeder leicht im Selbstversuch testen. Nimm dir ein beliebiges Aufnahmegerät und lese eine Strophe Songtext oder ein kurzes Gedicht. Stell dir vor, dass dieser Schnipsel in Zukunft der erste Eindruck von Tausenden Menschen sein wird, den sie von dir haben. Die alle natürlich professionelle Gedichteleser kennen und diese im Ohr haben. Das Wort ist doof betont? Du hast hier einen kleinen Wackler in der Stimme, der nicht so schön klingt? Da hast du etwas genuschelt? Genauso geht es den Musikern beim Einspielen – und bei sechs Bandmitgliedern muss sechs Mal alles stimmen und dann auch noch zueinander passen. Bei uns dauerte das alleine drei Wochen (Nach Abzug von Soundcheck und Nachkorrektur am Schneidetisch also 1,5 Tage pro Nase zum Einspielen) – und wir haben immer noch jede Menge Kleinigkeiten gefunden, die man noch besser hätte machen können. Das Studio ist ein Seziertisch für Musiker: Du hörst auch die kleinste Unsauberkeit, die du einfach so beim Üben oder Live überhaupt nicht wahrnimmst. Aber irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen, sonst werkelt man Jahre an einem Album und ist pleite, die Studiozeit ist schließlich nicht umsonst.

Weiter geht’s mit den Sängern. Hier heißt es erst einmal: das richtige Mikro finden. Durch das falsche Mikrofon kann man eine Stimme ziemlich verfälschen. Desto nuancenreicher der Sänger singt, desto mehr kann man beim Mikrosuchen verkehrt machen. Der Sänger singt immer das gleiche. Aber einmal klingt es total nasal, das nächste Mikrofon dünnt ungünstig Frequenzen aus und lässt die Stimme schwach erscheinen - und dann klingt es auch noch je nach Mikrofonabstand verschieden. Es folgt die gleiche Prozedur wie bei den Instrumentalisten – und zusätzlich entstehen noch so einige Füllstimmen. Eine Woche ist da auch schnell um.

Musiker fertig – Album aber noch lange nicht. Für den Mischer beginnt jetzt erst die eigentliche Arbeit. Begonnen wird mit ganz rudimentären Dingen, wie die besten Takes zusammenschneiden und die Übergänge wirklich unhörbar zu machen oder kleine Timing-Schwankungen zu korrigieren. Damit das Ganze gut klingt, steckt der Teufel dann aber im Detail. Wie genau muss der Equalizer bei welchem Instrument eingestellt sein, damit der Sound gefällt und sich im Zusammenklang durchsetzt? Wo müssen Frequenzen dezimiert werden, die sich ungünstig überlagern und damit das Klangerlebnis beeinträchtigen? Welche Effekte kommen auf die einzelnen Instrumente und die Stimme? Und schließlich: Wann muss welches Instrument lauter oder leiser sein, damit der Zusammenklang stimmt? Diese Entscheidungen werden natürlich immer in enger Absprache mit der Band getroffen. Ehe man sich’s versieht, ist es wieder zwei Wochen später.

Fertig sind wir aber immer noch nicht – jetzt kommt noch das Mastering. Das ist wichtig, damit man nicht nach jedem Song später die Lautstärke hoch- und runterdrehen muss, wenn man ihn zusammen mit anderen Stücken, insbesondere von anderen Bands, in einer Playlist hört. Außerdem wird im Mastering der Sound noch einmal überarbeitet – das Ganze bekommt noch mehr Druck. Andererseits soll natürlich aber auch nicht alles ein einziger, lauter Brei werden – Fingerspitzengefühl ist also gefragt. Ein paar Tage kommen auch hier noch hinzu. Sind wir in diesem Beispiel also bei 6,5 Wochen oder 33 Arbeitstagen. Zumindest offiziell. Streng genommen hing dann doch das eine oder andere Wochenende mit drin – schon ist man bei 40 Tagen. Mit einer guten Stunde pro Song Einspielzeit pro Instrument war die Zeit für Perfektionierung sogar eher begrenzt. Fazit: Wenn’s wirklich gut werden soll, geht mal eben schnell am Wochenende gar nichts. Ein Schnellschussdemo ist machbar, aber ganz sicher kein konkurrenzfähiges Album.

 

Autor: Janika Groß
Read 2603 times Last modified on 07/11/2012

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