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Interview: Dr. Mark Benecke

On: 02/03/2012

Dr. Mark Benecke ist Krimimalbiologe, Autor, Schauspieler, Tierschützer, Politiker, Gruftie, Nerd, ... Die Liste seiner Berufe und Berufungen ist ernorm lang. Das ist nur ein Grund gewesen diesen interessanten Menschen zum Interview zu bitten. Für ihn selbst war es "eines der lustigsten und besten Interviews aller Zeiten!". Aber lest doch selbst:

sP: Hallo Mark. Es gibt ja fast nichts, das noch nicht über dich geschrieben wurde. Gibt es denn für dich eine Schlagzeile, die du unbedingt gern mal über dich lesen wollen würdest? Oder gibt es eine Aussage, die dir mittlerweile zum Hals raushängt?

MB: Nö, ich lasse mich gerne überraschen. Ich kann auch sehr gut damit leben, dass gar nichts über mich in der Zeitung oder sonst wo steht. Ich versuche auch nie, irgendwas zu steuern, sondern einfach nur so gut wie möglich mit meinem Gegenüber zu kommunizieren. Das Ergebnis finde ich dann meist auch lustig. Das Spektrum an Schlagzeilen ist ja irre breit: von „Dr. Made ist im Dschungelcamp“ (während ich in Wirklichkeit in Kolumbien war und dort mit verfaulten Leichen gearbeitet habe) bis hin zu einem Fachartikel über Zombies und die Frage, warum die Filmdarstellungen tatsächlich realistischer sind, als man gemeinhin denkt. Das Ganze ist eben nicht nur Horroreffekt, sondern auf bestimmte Leichenerscheinungen und Krankheiten zurückzuführen. Finde ich total spannend! Darauf wäre ich selber gar nicht gekommen – und bin deshalb froh, wenn ich solche Fragen gefragt werde oder solche Schlagzeilen generiert werden. Bis jetzt habe ich eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht.
Felix Linde für benecke.com / DIE PARTEI
sP: Was Interviews angeht habe ich das Gefühl, du wurdest schon alles gefragt, nur noch nicht von allen. Welche Frage würdest du dir selbst stellen?

MB: Gar keine! Ich freu mich genau wie bei meiner Arbeit am Tatort über Ideen von außen mehr,  als über das, was in meiner Birne ist. Mein Kopf ist relativ hohl und löchrig. Wenn ich keine Anregungen von außen hab, dann fällt mir auch nichts ein. Dann schlaf ich einfach. So wie Sherlock Holmes, dem ist ja auch immer langweilig die ganze Zeit. Wenn von außen keine Fragen kommen, dann guck ich aus dem Fenster oder an die Decke oder so. (lacht)

sP: Und wen würdest DU gern mal interviewen und warum?

MB: Die Menschen, die ich gerne mal interviewen wollte, habe ich bereits getroffen – Chris Pohl zum Beispiel, oder auch Michaela Schaffrath. Ich hab insgesamt schon mit sehr vielen verblüffenden, interessanten Personen geredet. Manchmal sitzen aber auch sehr bekannte Leute bei mir in den Veranstaltungen, die dann gerne mal mit mir reden wollen. Wenn man dann auch noch Fan des jeweils Anderen ist, ist das schon sehr lustig. Wenn ich allerdings ein Interview mit jemandem möchte, dann versuche ich auch, das zu bekommen. Allerdings nicht nach dem Motto: „Ich hab die und die Frage, erklär mir wie die Welt funktioniert!“. Ich bin da ganz entspannt: wenn es klappt, schau ich mal, was sich daraus ergibt. Es gibt ja auch Situationen, in denen man in sehr kurzer Zeit schon sehr viel Interessantes über die Person erfährt. Andererseits dauert es ja manchmal auch Jahre, bis man sich mal zufällig über den Weg läuft, backstage oder so. Tim Mälzer hat mich zum Beispiel 2005 in seine Sendung eingeladen und da bin ich wegen der Mega-Hektik im Studio erst gar nicht auf die Idee gekommen, mit dem zu labern. Aber als ich dann doch mal vor einem anderen Auftritt Jahre später mit ihm geredet hab, war das sehr lustig und interessant! Ich lass es eben lieber darauf ankommen und schau einfach mal, was passiert. Neulich habe ich mit Bela B. sogar Fotos „in bed“ gemacht, da waren wir Yoko Bela und John Benecke. Oder doch umgekehrt, Yoko Benecke und Bela Ono/ Lennon? Egal. (lacht)

sP: Du hältst auch Vorträge auf Festivals wie dem Amphi oder dem Wave Gotik Treffen und erfreust dich in der Gothicszene großer Beliebtheit. Worin liegt für dich der Reiz dieser Szene? Was verbindet dich mit ihr?

MB: Naja, ich hoffe mal, dass ich einfach dazugehöre. Ich fühle mich auf jeden Fall dazugehörig, immerhin bin ich der einzige Mensch, der auf dem WGT jährlich an drei Tagen das Schauspielhaus füllt und auch noch bei der WGT-Eröffnung in der Agra zusammen mit DJ Elvis auflegt. Das freut mich mehr als sehr viele andere Dinge.

sP: Musik spielt in deinem Leben eine offensichtlich große Rolle: du warst von 1989 bis 2000 Mitglied der Kölner Schlager-Punk Band Die Blonden Burschen, hast 2009 auf einem Album der Patenbrigade: Wolff mitgewirkt und 2010 mit Sarah Noxx den Nick Cave-Klassiker „Where the Wild Roses Grow“ neu aufgenommen. Wie kam es dazu? Werden das einmalige Aktionen gewesen sein oder dürfen wir uns auf weitere Kollaborationen freuen?

MB: Ich dränge mich nicht auf und will auch nicht zwangsweise irgendwo mitmachen, nur weil es irgendwie „cool“ ist. Aber für so lustige Ideen wie das Einsprechen der Baustellen-Unfälle bei den Patenbrigadisten bin ich immer zu haben, mittlerweile bin ich ja sogar der offizielle „Brigade-Arzt“. Und mit Sara Noxx mache ich hoffentlich auch in Zukunft noch viele schaurig-schöne, morbide Duette. Das war alles anfangs nur Spinnerei – aber die von dir angesprochenen Musiker haben gute Kontakte zu Studios und so weiter. Da kann man sowas auch mal professionell und vernünftig umsetzen. Ansonsten nehme ich auch immer mal wieder Samples für Electro-Bands auf und mache jedes Jahr an Weihnachten fürs EBM-Radio die Weihnachtsmusik. Ihr seht: ich bin, was Musik angeht, jederzeit ansprechbar, ich finde das total geil. Obwohl ich nicht singen kann, das sollte ich vielleicht dazu sagen. Bei „Where the Wild Roses Grow“ haben wir mit umgedrehtem Hall und Growl gearbeitet – andernfalls fallen einem nämlich die Ohren raus. (lacht)

sP:  Ob Kolumnen für das Tätowiermagazin und die Frankfurter Rundschau, Fernseh-Auftritte, Bücher oder die Entwicklung eines Adventskalenders für wissenschaftshungrige Kinder – es gibt fast nichts, was du noch nicht gemacht hast. Welche Überraschungen hälst du 2012 für uns bereit?

MB: Der Adventskalender war nicht meine Idee, das hat sich Ravensburger ausgedacht. Und auch die Idee zu dem neuen Kinderbuch stammt vom Verlag. Also ist die nächste Überraschung das, was sich irgendjemand ausdenkt – und das bin nicht ich. (lacht) Ich versuch diese Ideen dann nur umzusetzen. Ich bin da eher wie ein kleiner neugieriger Junge, der immer alles spannend findet und zu allem „Ja“ sagt. Für mich ist das Leben wirklich wie das von einem kleinen Kind, das jeden Tag in irgendein neues Abenteuer reinstolpert – Abenteuer, die andere Leute teilweise gar nicht sehen. Ich glaube, das ist mein Geheimnis: ich nehme das Leben, wie es kommt. Sätze wie „Och nee, jetzt echt nicht ...“ oder „Jetzt habe ich keine Lust!“ oder „Keine Zeit!“ oder „Das ist schlecht fürs Image ...“ oder „Hey, da verdiene ich ja gar nichts dran!“ fallen bei mir nicht, mir ist das scheißegal. Und so passiert dann das, was du gerade schilderst: dass man die verrücktesten Sachen macht. Gestern habe ich zum Beispiel im Berlin-Warschau-Express gesessen. An Bord: ein polnisches Restaurant. Da habe ich mir gedacht: „Wie schön, da kannst du auf dem Weg nach Frankfurt/Oder Piroggen essen, die gibt es ja sonst in Deutschland nicht!“. Und dann hab ich mein Handy verloren. So. Und anstatt jetzt zu heulen und zur Polizei zu rennen und mein bitteres Schicksal anzuklagen, sehe ich das eher als eine lustige Erfahrung: ausgerechnet im Berlin-Warschau Express, nur weil ich da unbedingt Piroggen essen wollte, verliere ich mein Handy. In Köln sagt man in solchen Situationen: „et kütt, wie et kütt“. Und genau diesen Zauber, der dem innewohnt, den muss man sich eben erhalten. Und genau das mache ich.

sP: Du engagierst dich mittlerweile ja auch in der Politik, bist NRW-Vorsitzender der Partei DIE PARTEI. „Benecke for President“ - hättest du zugesagt, wenn man dich statt Herrn Gauck gefragt hätte? Warum (nicht)?

MB: Auf jeden Fall! Wir haben eine große Umfrage gemacht, zu sehen auf meinem Youtube-Channel, und die Menschen gefragt, wen sie als Präsidenten wollen. Wir hatten alle möglichen Vorschläge. Aber mich hat niemand genannt. Die meisten Leute wollten einen Dinosaurier. Oder den Guttenberg. Also hab ich mir gedacht: „Weil wir ja eine schmierige, opportunistische Partei sind, die alle Bürgerwünsche erfüllt (oder es zumindest verspricht), müssen wir uns jetzt darum kümmern, dass es einer von beiden macht“. Wenn ich allerdings für dieses Amt vorgeschlagen werden sollte, würde ich auch diesen Bürgerwunsch natürlich gerne umsetzen. Also, liebe Grufties, setzt euch dafür ein, dass ich Präsident werde, dann mache ich das natürlich sehr gerne, sofort! (lacht)

sP: Wen würdest du denn bevorzugen – den Dino oder den Guttenberg?

MB: Mich! (lacht) Ist egal, ich muss hinterher ja nur irgendwen bestechen, um meinen Willen zu bekommen. Wie gesagt, wir sind schmierig. Das heißt: wer irgendwelche Tipps hat, wen ich bestechen kann, soll mir das ruhig sagen, dann ist es recht wurscht, wie der Präsident gerade heißt. Wir haben ja auch gute Kontakte ins Rotlichtmilieu und unseren Wahlwerbespot im Puff gedreht. Vielleicht lässt sich da ja was drehen. Also: wenn irgendjemand irgendwelche Connections hat, dann tun wir einfach so, als ob wir Bürgerwünsche erfüllen und in Wirklichkeit reißen wir dann die Macht natürlich an uns selbst.

sP: Aha. Na dann nehmen wir doch mal an, du triffst im stockfinsteren Wald auf eine Fee, die dir Superkräfte verleihen kann. Welche wäre das und wofür würdest du sie einsetzen?

MB: Dann würde ich mir Feen-Superkräfte wünschen, wahrscheinlich die Fee heiraten und für immer ein glückliches, friedliches, schönes, spannendes Leben mit ihr führen. (lacht) Oder wir teilen die ... Ja, genau! Wir machen fifty-fifty mit den Feenkräften, damit wir beide welche haben – der Rest des Planes bleibt dann aber wie gerade gesagt.

sP: Auf deiner Arbeit siehst du sicher einige kuriose Dinge. Was war denn das Verrückteste, das du bisher als Kriminalbiologe erlebt hast?

MB: Das Verrückteste? Dass Leute sich gegenseitig umbringen. Das ist total bescheuert! Man müsste das eigentlich verbieten, ist es ja eigentlich auch schon. Dass Menschen einfach nicht in Frieden miteinander leben können, das macht mich wahnsinnig! Ich würde echt meinen Job sofort an den Nagel hängen, wenn ich das ändern könnte und endlich mal Ruhe herrschen würde. Das Leben wird doch nicht langweiliger, nur weil keine schweren Gewalt-/Kriminalfälle mehr passieren. Sehr traurig finde ich auch, dass die Angehörigen der Opfer und die der Täter auch so wahnsinnig  unter den Taten leiden, Ehen zerbrechen und Familien kaputtgehen. Wie jetzt bei der Familie Bögerl, wo sich der Ehemann dann aufhängt, weil so vieles so schlecht gelaufen ist und er einfach nicht mehr kann. Das finde ich am eigentlich am Verrücktesten: wie unglaublich schief die Dinge laufen können, obwohl es doch eigentlich so einfach ist. So ungefähr wie: man deckt den Tisch für vier Leute, und es gibt Essen, von dem man weiß, dass es jeder mag. Aber anstatt dass alle friedlich miteinander essen, kotzt einer in die Schüssel, der zweite schmeißt sie gegen die Wand, der dritte rammt dem vierten die Gabel ins Auge und hinterher heulen und brüllen alle. Ich verstehe das einfach nicht. Das ist das, was wir in den Fällen immer und immer wieder sehen: dass sich alle wie die Bekloppten benehmen, anstatt sich einfach mal vernünftig zu benehmen.

sP: Ich kann mir vorstellen, dass man als Kriminalbiologe besonders grausame Fälle und die Bilder vom Tatort auch mal „mit nach Hause“ nimmt und nicht so schnell vergisst. Sucht man da nicht vor dem Schlafengehen nach Monstern unter dem Bett?

MB: Nein, ich schlafe sehr gut. Und auch sehr gerne! Grundsätzlich schleppe ich solche Sachen einfach nicht mit mir rum. Wenn ich tatsächlich mal über einen Fall nachdenke, dann lösungsorientiert. Also nicht „Meine Güte, ist das schrecklich!“, sondern „Wie könnte man diesen Fall aufklären?“. Ich bin also eher der, der sagt: „Ärmel hoch! Und jetzt lasst uns arbeiten,  anstatt zu verzweifeln und es traurig zu finden!“. Das ist meine Methode, damit umzugehen. Und dann auch mal sagen zu können: okay, jetzt kannst du nix mehr tun, jetzt bist du todmüde, jetzt musst du mal was essen, jetzt musst du schlafen. Das ist einfach eine Charaktereigenschaft. Das kann man, glaube ich, nicht lernen. So bin ich einfach.

sP: Wovon träumst du eigentlich?

MB: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, ich erinnere mich nicht an meine Träume. Eigentlich ist mir in den letzten fünf Jahren nur ein einziger im Gedächtnis geblieben: da habe ich geträumt, dass einfach mal tiefer Frieden herrscht und die Menschen sich wirklich umeinander kümmern. Nicht so glücksbärchenmäßig (alles ist bunt und fröhlich und gut), sondern dass Menschen sich einfach mal gern haben und sich dem anderen zuwenden und nicht immer nur an sich selbst und ihre eigene Scheiße denken. Das war ein sehr, sehr angenehmer Traum – sehr tief, zufrieden und ruhig war es da.

sP: Wenn du dein Leben nochmal leben könntest, würdest du irgendwas anders machen? Warum (nicht)?

MB: Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen kauzig und nerdig an, aber da müsste ich erstmal die Rahmenbedingungen wissen, unter denen ich dieses Leben nochmal führe. Dann könnte ich die Frage vielleicht beantworten. Spontan würde ich sagen: mal sehen, vielleicht. Könnte sein, muss ich prüfen. (lacht)


Das Interview führten Anja H. und Ralf E.

Foto 1 mit Bela B.: Felix Linde für benecke.com / DIE PARTEI

Foto 2: Rocksau Pictures für benecke.com

 

Homepage von Mark Benecke:
www.benecke.com
Youtube-Channel:
http://www.youtube.com/user/markbenecke

Gelesen 11493 mal Letzte Änderung am 07/11/2012

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